Was heißt eigentlich Gesundheitsförderung?

01.07.2007 | Augsburg
5. Augsburger Nachsorgesymposium: Workshops, Vorträge und eine Fotoausstellung.

Das 5. Augsburger Nachsorgesymposium, die wichtigste Plattform für sozialpädiatrische Themen in Deutschland, fand am 29. und 30. Juni 2007 in Augsburg statt. "Was heißt eigentlich Gesundheitsförderung?" gab Moderator Dr. Friedrich Porz als Motto und roten Faden aus. Porz ist Oberarzt der 2. Klinik für Kinder und Jugendliche des Klinikums Augsburg, Mitbegründer des Kreises und Leiter der Augsburger Nachsorgeforschung. Bei der Suche danach, wie die Gesundheit und Lebensqualität von schwer kranken Kindern und ihren Familien zu fördern ist, schlugen die Referenten den Bogen von der Molekularbiologie und Entwicklungspsychologie bis zur interkulturellen Kommunikation und Finanzierung. Es referierten unter anderem Ärzte, Psychologen, Nachsorgemitarbeiter und eine betroffene Mutter. Die Fotoausstellung "Über-Lebens-Kunst" begleitete das Symposium und sensibilisierte auf künstlerischem Weg für die Patienten, um die sich die Nachsorge dreht: chronisch kranke Kinder und Jugendliche.

Am Samstag, 30. Juni, lief das Hauptprogramm des sozialpädiatrischen Fachkongresses im Kurhaus Augsburg-Göggingen vor rund 150 Teilnehmern. Veranstaltet wurde das Symposium vom beta Institut für angewandtes Gesundheitsmanagement, Augsburg, und vom Bunten Kreis Augsburg. Die betapharm Arzneimittel GmbH ist traditionell Gastgeber und Mitorganisator. betapharm-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Niedermaier erklärte zu seinen Beweggründen: "Wir wollen eine Öffentlichkeit schaffen für das, was für die sozialmedizinische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bereits getan wird." Er bedauerte, dass die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu wenig Aufmerksamkeit findet.

Schon Tradition hat bei den Augsburger Nachsorgesymposien, dass der Pantomime JOMI emotional einstimmt. In "Leben bis zuletzt" zeigte er den Weg einer Familie von der Diagnose einer tödlichen Erkrankung des Kindes bis zum Tod und die Bedeutung positiver Erinnerungen. In "Marionette" befreit sich die Titelfigur von fast allen Fäden und stirbt zuletzt, als sie den Faden zum Herzen durchtrennt.

Selbstwirksamkeit als Erfolgsfaktor

Der Gesundheitspsychologe Prof. Dr. Matthias Jerusalem von der Humboldt Universität Berlin arbeitete in seinem Startvortrag "Entwicklungs- und Gesundheitsförderung durch Stärkung von Kompetenzen" die besondere Bedeutung der Selbstwirksamkeit heraus. Die Überzeugung, etwas bewirken bzw. bewältigen zu können, ist Studien zufolge wichtiger für den Erfolg als Können und Wissen. Wer Kinder stärken will, kann ihre Selbstwirksamkeit fördern durch Erfolgserlebnisse, soziale Einbindung und Selbstbestimmung.

Umwelt beeinflusst Gene …

… diese überraschende Information vermittelte Dr. Egbert Lang vom Bunten Kreis Coesfeld. Sein Vortrag "Gesundheit fördern statt Krankheiten vermeiden: Salutogenese vs. Prävention" präsentierte neueste Erkenntnisse der Genforschung und Molekularbiologie und zeigte, dass Familiennachsorge auch über die Genregulation die Gesundheit fördert.

Villa Kunterbunt in Trier

Dr. Christoph Block, der Leiter der "Villa Kunterbunt" in Trier, stellte seine Nachsorgeeinrichtung vor, die seit 1998 Nachsorge anbietet und nach dem Modell Bunter Kreis arbeitet. Besonderheiten sind die enge Anbindung an die benachbarte Kinderklinik, ein umfangreiches therapeutisches Angebot, optimal auf die Bedürfnisse der Familien eingerichtete Räumlichkeiten und Freizeit-Aktionen mit Patienten und/oder deren Geschwistern.

Fotoausstellung Über-Lebens-Kunst

Die Villa Kunterbunt war zudem verantwortlich für eine Fotoausstellung, die das Nachsorgesymposium zwei Tage lang begleitete. Der Fotograf YAPH (Yousef A. P. Hakimi) hatte Kinder der Villa Kunterbunt mit chronischen Erkrankungen wie Leukämie, Diabetes, neurologischen Erkrankungen, Mukoviszidose oder den Folgen zu früher Geburt porträtiert. Die Bilder zeigten mehr als viele Worte, mit welcher Energie diese Kinder und Jugendlichen ihr Leben leben.

Nachsorge aus Sicht einer niedergelassenen Kinderärztin

Die Referentin Dr. Luzie Haferkorn aus Herzogenrath bei Aachen ist niedergelassene Kinderärztin und Mitbegründerin des Bunten Kreises Aachen. Als zentrales Problem der Niedergelassenen schilderte sie die Zeitnot in der täglichen Praxisarbeit. Hier bringt die Nachsorge eine neue Qualität der Versorgung speziell bei der ambulanten Versorgung von schwer und chronisch kranken Kindern.

Ziel: 100 Nachsorgeeinrichtungen in Deutschland

Der Qualitätsverbund Bunter Kreis (QV) ist ein Zusammenschluss von mittlerweile 41 Nachsorgeeinrichtungen in Deutschland. Andreas Podeswik, Geschäftsführer des QV und beim beta Institut Augsburg verantwortlich für die pädiatrischen Projekte, warf einen Blick in "Die Zukunft des Qualitätsverbunds". Hauptziel ist eine flächendeckende Nachsorge in Deutschland, wobei er von einem Bedarf von 100 Einrichtungen ausgeht, die jährlich etwa 40.000 Kinder betreuen. Künftig wird der QV die Ausrichtung des Nachsorgesymposiums übernehmen.

Interkulturelle Aspekte in der sozialmedizinischen Nachsorge

Stefan Meister von intercultures Berlin sensibilisierte mit einer Mischung aus Vortrag und interaktiven Übungen für die Herausforderungen interkultureller Kommunikation. Bei der Hilfe für Familien mit schwer kranken Kindern ist zum Beispiel Wissen über Emotionen, Beziehungen und Familienrollen nötig, aber gerade diese Bereiche gehören zur impliziten Kommunikation und sind von Patienten und Eltern mit anderem kulturellen Hintergrund oft nicht bekannt.

Der dringendste Wunsch: zuhause im Schoß der Familie sterben

PD Dr. Monika Führer stellte "Die Koordinationsstelle Kinderpalliativmedizin München - ein Modell für die Zukunft?" vor. Die Leiterin der Koordinationsstelle und Oberärztin für Knochenmarktransplantation am Haunerschen Kinderspital in München machte zuerst bewusst, dass Krebs entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nur 13 Prozent der kindlichen Todesfälle verursacht. Größter Erfolg der Koordinationsstelle ist, dass deutlich mehr Kinder zuhause, das heißt: nicht in der Klinik, sterben konnten - so wie es die meisten Eltern wünschen. Die Koordinationsstelle Kinderpalliativmedizin ermöglicht dies durch Vernetzung vorhandener Ressourcen, Beratungsangebote rund um die Uhr und palliativmedizinische Fortbildungen.

Kampf an allen Fronten

Als betroffene Mutter und Vorsitzende des bundesweit aktiven Vereins "INTENSIVkinder zuhause" in Sinsheim schilderte Dr. Maria Bitenc mit zahlreichen Beispielen den "Kampf an allen Fronten", den Familien mit beatmeten, tracheostomierten, sauerstoffpflichtigen, oft schwerst mehrfach behinderten, intensivpflegebedürftigen Kindern führen. Zur aufwändigen häuslichen Pflege kommen oft Auseinandersetzungen mit Ärzten, Pflegenden, Kassen, Behörden sowie Ausgrenzung, Ignoranz, Widerstände und fehlende persönliche Perspektiven. "Besondere Familien brauchen besondere Fürsorge", forderte Dr. Bitenc, doch sie erwähnte auch den positiven Aspekt von Intensivkindern: "Sie gestatten uns, das Leben anders zu sehen."

Integrierte Versorgungsverträge mit Nachsorgebeteiligung

Zum Abschluss referierte Dr. Sönke Siefert vom Kinderkrankenhaus Wilhelmstift Hamburg zur "Abrechnung von sozialmedizinischen Nachsorgeleistungen". Er kritisierte, dass die Nachsorge mit ihrem nachgewiesenen Nutzen für die Gesundheitsförderung nach wie vor zu großen Teilen von Spendern und Sponsoren finanziert werden muss. Er sieht die finanzielle Zukunft in integrierten Versorgungsverträgen (IV) und stellte zwei IV-Verträge aus Hamburg vor, bei denen die Nachsorge in die Versorgung von Kindern mit Diabetes bzw. mit Adipositas einbezogen ist. Auch Medizinische Versorgungszentren als Träger oder Koordinatoren von Nachsorge fasste Dr. Siefert ins Auge.

Workshop vermittelten praxisnahes Handlungswissen

Eingeläutet wurde das Augsburger Nachsorgesymposium bereits am Freitag, 29. Juni, mit vier parallelen Workshops in den Räumen des beta Instituts in Augsburg. Insgesamt rund 100 Teilnehmer besuchten die vierstündigen Fortbildungen.

Prof. Dr. Judith Hollenweger von der Universität Zürich und Andreas Podeswik stellten die ICF-Klassifikation (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit der WHO) für die Pädiatrie vor. Besonderheit ist, dass sich mit der ICF nicht nur körperliche Probleme klassifizieren lassen, sondern dass auch Aktivitäten/Teilhabe und Umwelt einbezogen sind.

Waltraud Baur vom beta Institut Augsburg und Dr. Friedrich Porz stellten verschiedene Modelle von Nachsorgeeinrichtungen vor und zeigten Wege zum erfolgreichen "Aufbau von Nachsorgeeinrichtungen nach Modell Bunter Kreis".

Cornelia Spilger vom Bunter Kreis Augsburg bearbeitete in ihrem Workshop ein aus der Finanznot geborenes Kernthema der Nachsorge: "Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising für Nachsorgeeinrichtungen."

Die freie Journalistin Andrea Nagl erklärte in "Pressearbeit für Nachsorgeeinrichtungen" das Prinzip Pressearbeit und die Arbeitsweise von Medien und Journalisten.

Quelle: Pressemeldung betapharm Arzneimittel GmbH

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