"Kann Prävention kann unser Gesundheitssystem retten?"

15.05.2006 | Augsburg
Auf dem 1. Sozialdialogforum der betapharm Arzneimittel GmbH und dem Fachmedium DER KASSENARZT wurden Ziele, Status Quo und Herangehensweise präventiver Maßnahmen in Deutschland diskutiert. Fazit: Prävention muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe aufgefasst und in überprüfbaren Programmen umgesetzt werden, um den allseits beschworenen Effekt zu zeigen.

Prävention gilt derzeit als Allheilmittel für die Probleme des deutschen Gesundheitssystems - besonders Politiker erhoffen sich davon deutliche Einsparungspotentiale. Auf dem, gemeinsam von betapharm und DER KASSENARZT initiierten Sozialdialogforum am 26. April in Augsburg gingen sieben Experten der Frage nach: "Nur Prävention kann unser Gesundheitssystem retten, aber wie?"

Prävention hat zum Ziel, dass die Bürger länger gesund bleiben beziehungsweise Krankheiten vermieden werden. Eine längere Gesunderhaltung sei heute besonders erstrebenswert, da die Menschen immer älter würden und längere Lebensarbeitszeiten in Kauf nehmen müssten, führte Moderator Erik Händeler in die Thematik ein. Ob Präventions-Maßnahmen jedoch zu einer Rettung des Gesundheitssystems beitragen können, zweifelte Wirtschaftsprofessor Michael Schlander von der Fachhochschule Ludwigshafen in seinem Beitrag offen an. So sei zwar ein "Verschieben von Krankheiten möglich", die erwünschten Kostensenkungen würden diese in überschaubarer Zukunft jedoch nicht bringen, lautete die Prognose des Wirtschaftswissenschaftlers. Und weiter: "Primärprävention wird zunächst zu Kostensteigerungen führen."

Ein ungeklärter Punkt ist außerdem, aus welchem Topf die Mittel für Prävention kommen sollen. Derzeit ist Krankheitsvermeidung nicht als Kassenleistung definiert. Laut Sozialgesetzbuch ist sie vielmehr Aufgabe des Einzelnen. Das führe dazu, dass Ärzte "nur dafür bezahlt werden, Krankheiten zu behandeln, aber nicht für Prävention", schilderte Hausarzt Dr. Diethard Sturm die Situation.

Für den Lehrstuhlinhaber für Staats- und Verwaltungsrecht, Öffentliches Wirtschaftsrecht, Sozialrecht, Freie Universität Berlin und Präsidenten des Berliner Verfassungsgerichtshofs, Professor Helge Sodan, fällt Prävention nicht in den Verantwortungsbereich der Kassen, sondern soll vielmehr als "gesamtgesellschaftliche Aufgabe" betrachtet werden. Das heißt für Sodan: "Prävention muss aus Steuermitteln finanziert werden". Einen ähnlichen Ansatz vertrat Moraltheologe Professor Peter Schallenberg von der Theologischen Fakultät Fulda: "Ist Prävention nicht ein Menschenrecht, für das der Staat aufkommen muss?", so seine Überlegung.

In der Praxis gibt es derzeit nur wenige Präventionsmaßnahmen, die tatsächlich überprüft sind und als wirkungsvoll bezeichnet werden können. Das gab Dr. Thomas Schlegel, Geschäftsführer des Verlages medizinRecht.de zu bedenken. Für ihn kommt es zunächst darauf an, effiziente Programme zu entwickeln. Auch Ökonom Schlander empfahl eine Konzentration auf Programme mit nachweisbar gutem Effekt wie beispielsweise Präventionsmaßnahmen gegen Rauchen oder Alkoholmissbrauch - Süchte, die dem System besonders große ökonomische Schäden bescheren. Auch das Bewusstsein und die Mitverantwortung der "Lebenswelten" der Versicherten, also Kommunen, Arbeitgeber oder Bildungseinrichtungen müssten stärker gefördert werden, so Medizinjurist Schlegel.

Effektive Prävention macht Sinn - darin waren sich die Experten einig. Wie eine wirksame Präventions-Maßnahme aussehen kann, zeigte das Beispiel "Papilio", ein wissenschaftlich belegtes Programm des gemeinnützigen beta Instituts, das bereits im Kindergarten ansetzt und der Entwicklung von Sucht- und Gewaltverhalten vorbeugt. Projektleiterin Heidrun Mayer führte aus, dass man "früh anfangen müsse, um Risikofaktoren für spätere Probleme aufzufangen". Zugleich kann Papilio auch als Vorbild für innovative Finanzierung gelten: Das Programm wird von diversen Partnern finanziert, darunter betapharm und das Bayerische Gesundheitsministerium.

Einen Königsweg für Prävention gibt es nicht - dafür aber viel versprechende Ansätze, die schnell vorangetrieben werden sollten. Nichtsdestotrotz sei Prävention "persönliches Recht, aber auch persönliche Pflicht", so das Fazit von Dr. Wolfgang Niedermaier, Geschäftsführer von betapharm und Gastgeber des konstruktiven 1. Sozialdialogforums.

Die Veranstaltungsreihe "Sozialdialogforum"

Das Sozialdialogforum ist eine Veranstaltungsreihe, die der Generikahersteller betapharm Arzneimittel GmbH und die Zeitschrift Der Kassenarzt ins Leben gerufen haben. Ziel ist es, drängende Fragen des Gesundheitssystems in einer Expertenrunde zu diskutieren. Die Auftaktveranstaltung am 26. April in Augsburg war dem Thema "Prävention" gewidmet. Podiumsteilnehmer waren: Professor Helge Sodan, Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht, Öffentliches Wirtschaftsrecht, Sozialrecht, Freie Universität Berlin und Präsident des Verfassungsgerichtshofes des Landes Berlin, Professor Peter Schallenberg, Theologische Fakultät Fulda, Dr. med. Diethard Sturm, Hausarzt und 1. Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes e. V., Dr. jur. Thomas Schlegel, Geschäftsführer des Verlages MedizinRecht.de und Lehrbeauftragter an der Europa Fachhochschule Fresenius, Professor Dr. med. Michael Schlander, MBA, Fachhochschule Ludwigshafen, Fachbereich Betriebswirtschaft, Dr. med. Ralf Stölting, Chefredakteur DER KASSENARZT und Lehrbeauftragter an der Europa Fachhochschule Fresenius sowie Heidrun Mayer, Projektleiterin Papilio (Präventionsprojekt gegen Sucht und Gewalt) - beta Institut; Moderator: Autor und Journalist Erik Händeler. Das nächste Sozialdialogforum findet am 25. Oktober 2006 in Köln zum Thema "Eigenverantwortung des Patienten" statt.

Quelle: Pressemeldung betapharm Arzneimittel GmbH

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