Ansatzpunkt für gezielte Chemotherapie bei kindlichen Hirntumoren

23.01.2009 | Heidelberg
Heidelberger Kinderonkologen mit Maresch-Klingelhöffer-Forschungspreis 2008 der Frankfurter Stiftung für krebskranke Kinder ausgezeichnet

Wissenschaftler der Universitätsklinika Heidelberg und Freiburg und des Deutschen Krebsforschungszentrums haben Veränderungen im Erbgut von bestimmten Hirntumoren bei Kindern im Erbgut dieser Tumoren entdeckt, die erstmals einen gezielten Ansatzpunkt für Chemotherapie bieten. Die genetischen Veränderungen in den meist gutartigen Astrozytomen lassen den normalen Wachstums- und Reifungsmechanismus der Zellen außer Kontrolle geraten. Die Wissenschaftler sind für ihre Arbeiten im Oktober 2008 mit dem Dr. Maresch Klingelhöffer-Forschungspreis 2008 der Frankfurter Stiftung für krebskranke Kinder ausgezeichnet worden.

Der Dr. Maresch-Klingelhöffer-Forschungspreis ist mit 5.000 Euro dotiert und unterstützt Nachwuchswissenschaftler auf dem Gebiet der Pädiatrischen Onkologie und Hämatologie. Die prämierte Arbeit wurde im Mai 2008 im "Journal of Clinical Investigation" veröffentlicht.

Jedes Jahr erkranken rund 200 Kinder in Deutschland an einem Astrozytom

Rund 200 Kinder erkranken jährlich in Deutschland an einem gutartigen Astrozytom. Etwa 90 Prozent der Tumoren, die sich aus Stützzellen des Gehirns, den Astrozyten, entwickeln und gesundes Gehirngewebe verdrängen, können vollständig chirurgisch entfernt werden und treten in der Regel nicht wieder auf. Kann der Neurochirurg den Tumor nicht restlos entfernen, sind Strahlen- und Chemotherapie notwendig. Bisher war der Erfolg der Chemotherapie unbefriedigend, da keine Schwachstellen der Tumoren für einen gezielten Einsatz von Chemotherapeutika bekannt waren.

Gendefekt ist für Entstehung von Hirntumoren und anderen Tumoren verantwortlich

Für die ausgezeichnete Arbeit untersuchten die Preisträger Dr. Stefan Pfister, der in der Abteilung für Pädiatrische Onkologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Dr. Andreas Kulozik) und in der Abteilung Molekulare Genetik am Deutschen Krebsforschungszentrum (Leiter: Professor Dr. Peter Lichter) forscht, Dr. Wibke G. Janzarik, Abteilung für Neurologie des Universitätsklinikums Freiburg, und Marc Remke, Abteilung Molekulare Genetik am Deutschen Krebsforschungszentrum, das Erbgut von 66 Astrozytomen auf charakteristische Veränderungen: Bei 36 Tumoren stießen sie auf Fehler in einem bestimmten Abschnitt der genetischen Information, im Bauplan des Genes BRAF.

BRAF ist bereits bekannt: Dieses Gen ist auch bei anderen Krebsarten wie Schilddrüsenkarzinom, Melanom oder Darmkrebs verändert und in Folge dessen daueraktiviert. BRAF, das während der Embryonalentwicklung eine wichtige Rolle spielt, weil es Wachstum und Vermehrung der Zellen mit vorantreibt, erfüllt in ausgereiften Zellen keine Funktion mehr und wird daher stillgelegt. Hebt eine genetische Veränderung diese Blockade auf, beginnen die Zellen sich unkontrolliert zu teilen: Ein Tumor entsteht. "Wir haben erstmals nachgewiesen, dass BRAF auch bei der Entstehung von Astrozytomen beteiligt ist. Bisher wusste man so gut wie nichts über die molekularen Ursachen dieser Tumorart bei Kindern", erklärt Dr. Pfister, Leiter der Arbeitsgruppe und Erstautor des Artikels.

Genauere Prognose und gezielte Chemotherapie

An dieser Stelle könnte in Zukunft eine gezielte Chemotherapie ansetzen. In Zellkulturen aus Astrozytomen verhinderten entsprechende Medikamente effektiv das weitere Wachstum der Tumorzellen.

Wirkstoffe, die das daueraktivierte BRAF blockieren, sind bereits beim Nierenzellkarzinom im Einsatz. "Einzelne Patienten mit Astrozytom haben ausgesprochen gut auf einen BRAF-Blocker angesprochen. Der nächste Schritt ist nun eine breit angelegte klinische Studie, die die Wirksamkeit von herkömmlicher Chemotherapie und BRAF-Blocker vergleicht", sagt Dr. Pfister. Der Vorteil des neuen Chemotherapeutikums: Es kann im Gegensatz zur bisherigen Chemotherapie daheim als Tablette eingenommen werden; die Therapie ist für das Kind nicht so belastend und zeitintensiv.

Quelle: Pressemeldung Universitätsklinikum Heidelberg

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